Diagnose und Therapie von Frontzahntraumata

Verletzungen der Frontzähne sind eine häufige Unfallfolge. Im Personenschadenmanagement stellen sie oftmals den Gegenstand von Gutachten dar und sind bei Schmerzensgeldforderungen relevant. Studien zeigen, dass Frontzahntraumata in vielen Fällen unzureichend therapiert werden. Dabei kann eine rechtzeitige und korrekte Behandlung Folgeschäden, teure Therapien und psychische Belastungen für die Geschädigten/Verunfallten verhindern.

Von Dr. med. dent. Marie-Beatrice Langheim, Fachzahnärztin für Oralchirurgie und Zahnärztin, Wesel

Der Großteil dentaler Traumata ereignet sich vor dem 19. Lebensjahr. Zwei Drittel aller Frontzahntraumata treten bei Jugendlichen auf. Am häufigsten betroffen sind die oberen mittleren Schneidezähne, gefolgt von den oberen seitlichen Schneidezähnen. Dabei lassen sich Frakturen im Schneidezahnbereich von Dislokationsverletzungen unterscheiden. Für die Prognose spielt das Ausmaß und die Richtung der traumatisch bedingten Dislokationsverletzungen des Zahnes aus seiner ursprünglichen Position eine wichtige Rolle. In vielen Fällen liegen Kombinationsverletzungen vor.

Konsequente Erstversorgung

Da die allermeisten Frontzahntraumata Kinder und Jugendliche in einer wichtigen Wachstumsphase treffen, erfordern sie aufgrund ihrer Irreversibilität und ihrer Folgen für die Lebensqualität eine konsequente Erstversorgung. Dabei gilt: Je länger ausgeschlagene Zähne oder Zahnfragmente außerhalb des Mundes aufbewahrt werden, desto mehr sterben wichtige Zellen um den Zahn ab. Eine Austrocknung der Zahnwurzeloberfläche sollte daher unbedingt vermieden werden. Sogenannte Zahnrettungsboxen können die Vitalität wichtiger Zellen für 24 Stunden aufrechterhalten. Als Alternative kann der Zahn in der Alveole, also in seinem Zahnfach in der Mundhöhle, in der Backentasche, in kalter Milch oder in einer isotonen Kochsalzlösung gelagert werden. Essenziell ist im nächsten Schritt eine möglichst zeitnahe Replantation des Zahns.

Die klinische Abklärung des Frontzahntraumas nach einem Unfall folgt einem standardisierten Vorgehen. Erste Fragen sind: Liegt ein Schädel-Hirn-Trauma vor? Wie stellt sich der allgemeine Gesundheitszustand dar? Welche Medikamente nimmt die/ der Betroffene (zum Beispiel Antikoagulantien)? Daneben gilt es, den akuten Impfstand für Tetanus abzuklären. Die klinische Diagnose erfolgt dann stufenweise von außen nach innen, beginnend mit der Untersuchung der Weichteile, der Haut, der Lippen, der Schleimhäute und schließlich der Knochen. Außerdem wird die Funktion der Mundöffnung zum Ausschluss einer Okklusionsstörung geprüft.

Bildgebende Diagnostik

Für die bildgebende Diagnostik stehen mehrere Verfahren zur Verfügung. Mit der Einzelzahnröntgenuntersuchung kommt der Behandelnde Wurzel- und Kronenfrakturen mit oder ohne Beteiligung des Zahnmarks (Pulpa) auf die Spur. Hierbei kann ebenfalls das Entwicklungsstadium der Pulpa und der Parodontalstrukturen sowie die Verlagerung oder Dislokation von Zähnen beziehungsweise Zahnfragmenten sichtbar gemacht werden. Mithilfe des Orthopantogramms, einer zweidimensionalen Röntgenaufnahme des Ober- und Unterkiefers in Form eines Halbkreises von einem Ohr zum anderen, lässt sich insbesondere bei Okklusionsstörungen der Zustand der Kiefergelenke beurteilen. Weiterführende diagnostische Verfahren können die digitale Volumentomografie oder eine Computertomografie sein.

Primärtherapie und Nachsorge

Das Ziel der Primärtherapie durch den/die Fachzahnarzt/-ärztin für Oralchirurgie ist die Erhaltung von Zahn und Gewebe sowie die Vermeidung und Beseitigung von bakteriellen Infektionen. Dabei ist entscheidend, ob es sich um einen Zahn mit offener oder geschlossener Zahnwurzelspitze (Apex) handelt, und wie der Zustand der Zahnwurzelhaut (desmodontalen Zellen) zu bewerten ist. Die Zeit der Pulpaexposition entscheidet mit über die Therapieauswahl. Je nach Dauer der Exposition ist eine direkte Überkappung (unter zwei Stunden), eine partielle Pulpotomie (mehr als zwei Stunden) oder eine vollständige Pulpotomie (mehr als 48 Stunden) indiziert.

Bei der Therapie von Zahnfrakturen steht die Vitalerhaltung des Zahnes im Vordergrund. Bei Kronenwurzelfrakturen sollte ein minimalinvasives Vorgehen mit Reposition, Ruhigstellung und Weichteilversorgung erfolgen. Bei Dislokationsverletzungen zielt die Akutversorgung auf die Reposition beziehungsweise Replantation und Schienung, auf eine Regeneration parodontaler Strukturen und auf eine Optimierung des Heilverlaufs aller verletzten Gewebe ab. Die Titan-Trauma-Schiene hat sich hier als Standard etabliert. Sie ermöglicht eine minimale Beweglichkeit des Zahnes, sodass sich die Fasern des Zahnhalteapparates funktionell ausrichten können.

Nicht immer dislozieren Zähne bei einem Unfall oder fallen komplett aus. Handelt es sich lediglich um eine Fraktur an der Zahnkrone, so ist für die Versorgung und die Prognose des Zahnes die Art des Bruchs relevant. Während die Schmelz- und die Schmelz-Dentin-Fraktur ohne Pulpabeteiligung meist konservierend versorgt werden können, ist bei der Schmelz-Dentin-Fraktur mit Pulpabeteiligung fast immer eine Wurzelbehandlung nötig, die bei langfristiger Betrachtung auch zu Längsfrakturen mit nachfolgender Extraktion oder apikalen Zysten mit demselben Ausgang für den Zahn führen kann.

Eine Mitbehandlung der Nachbarzähne ist in der Regel nicht notwendig, wenn der geschädigte Zahn erhalten werden kann, und Vitalitätsproben ergeben, dass die umliegenden Zähne bei dem Unfall nicht geschädigt wurden.

Nach allen Arten von Frontzahntraumata müssen in regelmäßigen Abständen Sensibilitätstests der betroffenen und umliegenden Zähne erfolgen – und zwar am Unfalltag, nach sieben Tagen, nach vier Wochen, nach drei und nach sechs Monaten und dann jährlich, um mögliche negative Folgen einer stillen Pulpanekrose rechtzeitig zu diagnostizieren.

Schäden durch fehlendes Wissen

Abschließend ist festzuhalten, dass das Wissen der Bevölkerung um ein optimales Verhalten nach einem Frontzahntrauma als unbefriedigend anzusehen ist. Trotz einer hohen Inzidenz wird diese spezielle Verletzung aber auch in vielen medizinischen Einrichtungen unzureichend behandelt. Mit einer ausreichenden Erstversorgung, die einfach und ohne große Spezialkenntnisse möglich ist, ließen sich in vielen Fällen lebenslang nicht unerhebliche Folgekosten, Operationen und negative Effekte auf die psychologische Entwicklung der Betroffenen vermeiden.

Quelle: AM PULS – Das ACTINEO Magazin (Ausgabe 10 | Juni 2021)

Bild: Dr. Marie-Beatrice Langheim